Auftanken - Ausbrennen, Besonderssein/Behinderung, Bildung/Kita/Schule, Gedichtet, Gesellschaft, Inklusion, Nachgedacht

Mein Psalm in Coronazeiten

„Wie lange noch, mein Gott,“ (Ps 6,4)
wie lange mutest du mir soviel zu, dass ich es kaum bewältigen kann?

„Das Wasser steht mir bis zum Hals“ (Ps 69,2), ich bin am Rand meiner Belastungsgrenze angekommen.

Sie erzählen, wie schön es ist, durch die Krisenmaßnahmen mehr Zeit zu Hause zu verbringen und endlich mal Dinge erledigen zu können, zu denen man sonst nicht kommt:

im Haus aufzuräumen, auszumisten, zu renovieren, den Garten in Schuss zu bringen, kreative Hobbys auszuleben, das schöne Wetter auf der Terrasse zu genießen. 

Ich habe auch so eine Liste, mit Dingen, die eigentlich dringend mal getan werden müssten und so gerne mal in Angriff genommen werden würden – sie wird immer länger, ich bekomme kaum bei den alltäglichen Dingen einen Fuß auf den Boden.

Das homeschooling und krisenbedingte Mehrbelastung beanspruchen einen großen Teil meiner Zeit. Mein Mann hat mehr Arbeit als sonst, 4 Schulkinder von drei verschiedenen Schulen und Schularten, aus zwei verschiedenen Bundesländern mit unterschiedlichen Ferien und Krisenkonzepten und ein Kindergartenkind müssen Zuhause betreut werden. Ein Kind braucht zum Lernen mehr oder weniger eine 1:1-Betreuung und hat in seiner Klasse 6 Schüler mit 2-4 Pädagogen und Helfern, ein Kind ist Erstklässler und macht Anfangsunterricht, d.h. es kann noch nicht richtig lesen und braucht in jedem Fach Hilfe beim Lesen und Verstehen der Arbeitsanweisungen. Auch wenn ich praktischerweise Pädagoge bin, gelingt mir nicht die Quadratur des Kreises, kann ich nicht 5 Kinder gleichzeitig in 5 verschiedene Richtungen begleiten. Ehe ich sämtliche Onlineplattformen und Emailpostfächer gecheckt und verglichen habe, wo es neue Infos gibt, sämtliche Arbeitsblätter ausgedruckt habe, Zeitpläne für Videokonferenzen und Zeitfenster für die Gerätenutzung zur Erledigung von Hausaufgaben mit digitalen Medien koordiniert habe, ist der halbe Tag rum, mindestens ein Kind dem Erledigen seiner Aufgaben entwischt und eines erfolgreich gewesen, Chaos mit Farben, Scheren, Papier oder ähnlichen Werkzeug und Material anzurichten.

Ich höre oft „Ich bewundere dich, wie du das schaffst.“ Ich wundere mich auch, wie das bisher alles gehen konnte, es ist ein Wunder, dass du, mein wunderbarer Gott, geschenkt hast.

Doch die Krise lässt das Wasser steigen, es wird zur Bedrohung, für manche mehr, für andere weniger.

Sie haben Schutzwälle gebaut um die, die gesundheitlich auf unsicherem Boden stehen, nämlich besonders gefährdet sind, für sogenannte Risikogruppen.

Ach HERR, ich finde es gut und richtig, dass man andere Menschen schützt, dass man aus Liebe zu ihnen selbst zurücksteckt. Ich bin gerne bereit zu Solidarität, ich weiß, wie es sich anfühlt, auf sie angewiesen zu sein. Die Einschränkungen für ein paar Wochen haben wir gerne in Kauf genommen und die Herausforderungen gestemmt.

Das Virus war völlig neu, die Situation völlig fremd für uns, niemand wusste genau, was auf uns zukommt, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Es brauchte Menschen, die Verantwortung übernehmen und einen gemeinsamen Weg vorschlagen, und solidarische Mitmenschen, die sich auf den Weg einlassen, auch wenn man nicht alles selbst für sinnvoll hält, wenn jeder macht, was er will, nutzt kein Krisenkonzept. Wir haben Rücksicht genommen und uns an die Maßnahmen gehalten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem keinen Kollaps erleidet und allen Bedürftigen medizinische Hilfe zuteil werden kann. Damit es nicht ähnliche Zustände, wie man es aus z.B. Italien mitbekam, bei uns geben sollte. Nicht weil wir besonders große Angst um die eigene Gesundheit hatten, sondern aus Nächstenliebe.

Sie sagten, wir sollen uns für ein paar Wochen in unseren privaten Kontakten einschränken, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, der Vereinsbetrieb im Sport eingestellt, weitreichende Versammlungs- und Kontaktverbote verhängt, Restaurants, Geschäfte, Freizeiteinrichtungen mussten geschlossen bleiben, Gottesdienste, Bildungsveranstaltungen, kulturelle Angebote, Konzerte, Freizeiten durften nicht mehr stattfinden, alles wurde abgesagt. Wir haben geschluckt, aber besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.

Die Einschränkungen sollten zunächst nur für zwei, dann fünf, dann sieben, neun und jetzt bis zwölf Wochen gelten, wurden zwischendurch verschärft und teilweise wieder gelockert, eine völlige Aufhebung ist noch nicht in Sicht.
Die für uns am einschneidendsten sind – Schulschließung und Kontakt- bzw. Versammlungsverbot – gelten für uns weiterhin.
Seit dem 29. Februar sind unsere Hamburger Schulkinder jetzt komplett Zuhause, also seit 11 Wochen. Das zweite Halbjahr wird bestehen aus 4 Wochen Unterricht in der Schule, 9 Zuhause und weiteren 4 Wochen Zuhause mit jeweils noch einem Präsenztag in der Schule.
Seit 7 Wochen gilt die Kontaktsperre für uns als große Familie.

Das Wasser steht mir langsam bis zum Hals, ich sehe nur noch Land unter. 

Sie sagen, sie genießen die Zeit mit der Familie, die Beziehungen vertiefen sich. 

Da waren ein paar Wochen, nachdem sich das erste Chaos beruhigt hatte, die waren ein bisschen wie Ferien, ohne Termindruck, mit freierer entspannterer Zeiteinteilung, ohne viel Fahrerei, mit mehr Zeit füreinander.
Ja, doch die Mehrbelastung, die fehlenden sozialen Kontakte außerhalb der Kernfamilie und Entlastungsmöglichkeiten machen sich deutlich bemerkbar, spätestens nach einer mit dem Sommerferien vergleichbaren Zeitspanne und durch die verschärften einschränkenden Maßnahmen. 

Es ist ungerecht verteilt, manche haben durch die Krise weniger bis nichts zu tun, andere um so mehr, beruflich und mit der Kinderbetreuung und Beschulung.

Die Schutzmauer, die um die einen gebaut wird, lässt das Wasser bei den anderen schneller steigen. 

Was ist z.B. mit denen, die finanziell auf unsicherem Boden stehen, wo es gerade so zum Leben reicht?
Und was ist mit denen, deren soziales Netzwerk unausgeglichen ist, die anderen mehr geben, als sie selbst an Unterstützung bekommen, weil zu ihrem Umfeld kleine Kinder, mehrere Kinder, Menschen mit Behinderungen, mit psychischen Problemen, Pflegebedürftige gehören, weil sie alleinerziehend sind oder mehrere Jobs haben, weil das Geld sonst nicht reicht?
Sie stehen genauso am Rand der Gesellschaft, nicht auf dem sicheren Hügel, sondern in den tieferen Lagen, wo der Boden schnell sumpfig wird. Und dabei tragen sie eine große Last für die Gesellschaft.

Ach HERR, warum ist die Welt so ungerecht, warum schaut jeder so sehr auf das eigene Wohl und so wenig auf das der anderen? Warum fällt es so schwer, Solidarität zu üben?

Sie gehen auf die Straße und demonstrieren: Sie rufen wir WOLLEN nicht mehr! Wir wollen uns nicht weiter in unseren Möglichkeiten einschränken lassen, unser Leben frei zu gestalten, wir wollen nicht mehr verzichten müssen auf das, was uns Spaß macht und Rücksicht nehmen auf besonders gefährdete Menschen, wir wollen nicht unseren Wohlstand verlieren.

Es fällt mir schwer, das Meckern von denen mit anzuhören, die mit den Füßen im Wasser stehen, während den anderen das Wasser bis zum Hals steht.

Denn ich sehe die, die Zuhause sitzen und verzweifelt weinen, wir KÖNNEN nicht mehr! Wir wissen, wie wichtig Solidarität ist, da wir selbst darauf angewiesen sind, wir haben das Beste getan, uns solidarisch zu verhalten, aber jetzt fühlen wir uns im Stich gelassen, wir sind enttäuscht, wütend und verzweifelt!

Wo bist du Gott, hast du die Hilfebedürftigen im Stich gelassen? 

Da ist die Seniorin, die mit ihrem behinderten Sohn zusammen lebt. Mit Hilfe des Pflegedienstes und der teil-stationären Tagespflege kann sie ihn pflegen. Plötzlich bleibt alles alleine an ihr hängen, der Pflegedienst übernimmt keine körpernahe Pflege mehr, die Tageseinrichtung schließt, Notbetreuung gäbe es nur, wenn sie in einem systemrelevanten Beruf arbeiten würde.

Da ist die Single-Frau mit körperlichen Einschränkungen, die sich zuhause selbständig mit Hilfe des Pflegedienstes versorgen kann, der sie bei der Körperpflege unterstützt, wo sie es nicht kann. Nun ist sie ganz mit sich allein, verzweifelt, schon wund werdend am Körper, was soll sie tun? Der rechtlich mögliche vorgeschlagene Weg: Weisen sie sich ins Krankenhaus ein, dort müssen sie zumindest versorgt werden.

Da ist die Alleinerziehende, die arbeiten muss im Kundendienst, ihr zur Risikogruppe gehörendes herzkrankes Kind aber nicht in die Notbetreuung geben mag und ihr Kind daher mitnehmen muss auf ihren Fahrten zu den Kunden, sie sitzen täglich 5 Stunden zusammen im Auto und machen nebenbei noch homeschooling. Warum kann sie nicht freigestellt werden?

Da ist die Mutter mit kleinen und besonderen Kindern, die ein Baby, ein Vorschulkind und ein autistisches Kindergartenkind hat, das eine 1:1-Betreuung benötigt, weil es sich nicht selbst beschäftigen kann, sich destruktiv verhält und ohne die Eltern keine Nahrung zu sich nimmt. Sie ist mit ihrer Kraft an Ende und bekommt keine Hilfe, weil weder die Notbetreuung im Kindergarten noch der Familienentlastende Dienst, Großeltern und sonstige Helfer die Betreuung des Kindes übernehmen dürfen, dass sich nicht an Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen halten kann.

Da sind die Eltern mit einem intensiv pflegebedürftigen Kind bzw. einem behinderten Kind mit speziellem betreuungsintensiven Verhalten, die nunmehr seit 9 Wochen rund um die Uhr für ihr Kind zuständig sind, die es auch weiterhin nicht für die gewohnten 6-9 Stunden in die Schule schicken dürfen und keine anderweitigen Erholungspausen in der Pflege und Betreuung bekommen können. Denn diese Möglichkeiten bleiben weiterhin verwehrt, wenn das Kind beispielsweise spuckt oder sonstwie unberechenbares Verhalten zeigt, festgehalten werden muss und körpernahe Pflege erfordert. Nebenbei erledigen sie ihre ganz normale oder krisenbedingt sogar intensivere Arbeit.

Schon in meinem eigenen Umfeld kommen so viele solcher Beispiele zusammen und es gibt noch viel mehr!

Ach HERR, wer zeigt Solidarität mit diesen Menschen? Sie gehören nicht zu der traditionellen idealisierten deutschen Durchschnittsfamilie, für die die verordneten Maßnahmen unangenehm aber hinnehmbar sind. 

Die Maßnahmen, die ein Rettungsring für die einen sein sollen, ziehen den anderen den Boden unter den Füßen weg. 

Da sind Eltern wie ich, die auf einen bezahlten Job verzichten, weil der Alltag mit kleinen oder mehreren Kindern bereits ein Vollzeitjob ist.
Wir erziehen fünf (oder sonst wie viele) Kinder zu verantwortungsbewussten, liebes- und beziehungsfähigen Menschen, die ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten werden.
Das liebevolle Begleiten der Kinder in dieser emotional herausfordernden Situation ist noch wesentlicher als das homeschooling an sich, es ist auch nicht ersetzbar oder aufschiebbar.
Doch mangels Arbeitsvertrag mit belegbarer systemrelevanter Tätigkeit können wir keine Notbetreuungen o.ä. in Anspruch nehmen, um Mehrarbeit, Homeschooling, Logistik, Auftanken usw. unter einen Hut zu bekommen.

Da sind Eltern wie ich, die ein Kind mit Behinderung haben und nun 24/7 ohne Pausen Betreuung und Pflege leisten.
Wirpflegen, fördern und lieben unser Kind, damit es möglichst selbständig und seelisch gesund ins Leben starten und andere Menschen mit seiner Liebe und Freundlichkeit bereichern kann.
Ein solches Kind braucht eine doppelte Portion an Stabilität, Sicherheit und Zuwendung, es kann die neue Situation schwerer verstehen und sich hineinfinden, es fordert uns in diesen besonderen Zeiten doppelt heraus.
Aufgrund der Schutzmaßnahmen dürfen viele von ihnen nicht in der Notbetreuung oder durch ambulante Pflegedienste versorgt werden. Wiederum gibt es keine Freistellung geschweige denn Gegenleistung für pflegende und betreuende Personen.

Da sind Eltern wie ich, die im Homeoffice arbeiten und das seit 9 Wochen versuchen mit dem homeschooling zu vereinbaren.
Wir sind zwar Zuhause, aber sind in dieser Zeit eigentlich mit Studium, Weiterbildung oder freiberuflicher, selbständiger Tätigkeit beschäftigt.
Stattdessen geht man davon aus, dass wir ohne weiteres für nun fast ein komplettes Schulhalbjahr zuhause mit unseren Kindern homeschooling durchführen können ohne Maßnahmen, die dafür notwendige Rahmenbedingungen ermöglichen.

Da sind Eltern wie mein Mann, die neben ihrer beruflichen Mehrbelastung auch noch einen ordentlichen Teil der Familienarbeit übernehmen.
Sie setzen sich ein im Haushalt, beim homeschooling und Kinderbetreuen, damit die Familie nicht untergeht in dieser Zeit.
Für uns persönlich und für das Aufladen unserer Akkus bleibt keine Zeit mehr übrig.

Sie schließen die öffentlichen Bildungs-, Pflege- und Betreuungseinrichtungen und nehmen meine Kapazitäten und Fähigkeiten selbstverständlich in Anspruch, es gibt keine Gegenleistung.
Sie reden von Inklusion und schließen diejenigen von Hilfsangeboten aus, die „aus dem Rahmen“ fallen.

Ach HERR, was, wenn nicht das Sorgen für Menschen, die nicht alleine zurecht kommen, die Erziehung und Bildung der nächsten Generation, der Zukunft unserer Gesellschaft, ist denn systemrelevant? 

Wer wertschätzt was ich tue? Wer sieht mich in meiner Situation? Wer nimmt mich und meine Bedürfnisse wahr? Ich fühle mich im Stich gelassen. 

Die Wut beginnt in meinem Bauch zu rumoren, es blubbert wie in einer geöffneten Limonadenflasche, mein Speichel schmeckt so sauer, wie ich mich fühle, mein Körper ist übersäuert, selbst dem Schweiß merkt man es an. Wenn ich Worte höre und lese, aus denen mir soviel Kälte und Missachtung entgegen spricht, fröstelt es mich, und gleichzeitig bricht mir der kalte Schweiß aus, ich bin schockiert. Ich wache nachts auf und meine Gedanken hindern mich am Einschlafen, es raubt mir den Schlaf.

„Mein Gott, wie lange willst du mich noch vergessen? Wie lange wendest du dich von mir ab? Wie lange soll meine Seele noch sorgen und mein Herz täglich aufs Neue trauern?“ (Ps 13,2)

Ich bin am Rand meiner Belastungsgrenze angekommen. „Ich bin in tiefe Wasser geraten, ich drohe unterzugehen.“ (Ps 69,3)

Da gäbe es vielleicht sogar Menschen, die Zeit hätten und helfen würden, die es aber laut staatlicher Verordnung nicht dürfen.

Sie sagten, es darf eine Person von außen zur Unterstützung in den Haushalt kommen, wo hilfebedürftige Personen und Menschen in besonderen Lebenssituationen sind.
Sie sagten die Beschränkungen werden gelockert, man darf sich jetzt mit einer Familie aus einem anderen Haushalt treffen. 

Aber die entscheidenden Zugeständnisse und Lockerungen gelten nicht für besondere Familienverhältnisse.
In den entsprechenden Paragraphen der Verordnung zur Bekämpfung von Covid19 (in unserem Bundesland) liest man, dass sich nur in direkter Linie Verwandte aus zwei Haushalten zusammen treffen dürfen und auch nur mit höchstens 10 Personen.
Wir haben im Umkreis von 300km keine Verwandtschaft, unser soziales Netzwerk besteht hauptsächlich aus befreundeten Familien von mindestens 4 Personen, wir sind 7 Personen.
Eine Person zur Pflege, Betreuung oder sonstigen Unterstützung darf kommen, wenn dann nicht mehr als höchstens 6 Personen anwesend sind.
Wir sind schon 7, zum Zuhausesein, homeschooling und Homeoffice verdonnert.
Man darf sich zur Betreuung von Kindern unter 12 Jahren zusammentun, wenn dann nicht mehr als 6 Personen anwesend sind.
Hier leben schon 5 Kinder, plus betreuende Person sind wir schon bei 6.

Ich bin enttäuscht, dass unsere Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden, wütend über solche Verordnungen, die so ungerecht die benachteiligen, die sowieso schon mit der Situation besonders herausgefordert sind. Ich bin verzweifelt, wie lange ich das so noch schaffen soll.

Mein Gott, wie lange noch?

„Das Wasser steht vielen bis zum Hals. Sie versinken in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist.“ (Ps 69,2-3)

Sie machen viel Geld für Hilfsmaßnahmen locker. Aber warum spannt man den staatlichen Schutzschirm hauptsächlich über die aus, die von großen Zahlen reden können, riesigen Verlusten, die beeindruckend klingen, die sich aus Umsatzrückgängen belegen lassen? Oder über diejenigen, die die erwarteten aber durch die Maßnahmen ausgebliebenen Einnahmen oder laufende Kosten buchhalterisch belegen können?
Diejenigen, die sowieso schon mit unregelmäßigen und schlecht bezahlten Jobs kämpfen, lässt man im Regen stehen.

Da sind z.B. die, die freiberuflich tätig sind und ihren Lebensunterhalt auf Honorarbasis verdienen, indem sie Veranstaltungen organisieren oder mitgestalten wie Konzerte, Messen, Bildungsangebote, Seminare, Workshops und Kongresse. Es sind selbständige bzw. freischaffende Künstler, Musiker, Schauspieler oder Referenten, Berater und Coaches und weitere in diesem Bereich Tätige… Von heute auf morgen hat man ihnen verboten, den Teil ihres Berufes auszuüben, der das Geld einbringt, sie sind nicht arbeitslos, aber sie bekommen keinen Lohn mehr. Was sie tun, ist nicht überlebenswichtig, aber macht aller Leben lebenswert, es ist viel von dem, was uns fehlt, wenn wir nur in der Einsamkeit unserer eigenen 4 Wände bleiben dürfen. Man freut sich, dass viele nun ihr Können und Wissen online kostenlos darbieten, aber Professionalität, Qualität usw. kommen nicht von ungefähr, es steckt viel Arbeit und Zeit dahinter, es ist eben kein Hobby sondern Beruf.
Ein entgangenes Honorar für eine Veranstaltung, die nicht geplant wird, weil sie nicht stattfinden darf, kann man nicht für eine Ausgleichszahlung geltend machen, es ist auch nur eine kleine Summe, aber es ist alles, was überhaupt an Einnahmen hereinkommt.
Auch wenn jetzt das gesellschaftliche Leben langsam wieder hochgefahren wird und unter besonderen Auflagen wieder stattfinden darf, größere Veranstaltungen bleiben weiterhin untersagt und das kulturelle Leben wird auch in nächsten Jahr noch nicht wieder das sein, was es vor der Krise gab. Wenn man die, die es gestalten, nicht unterstützt, wird vieles vom dem weg brechen, wonach viele gerade wieder so sehnsüchtig und laut rufen: Konzerte, Veranstaltungen, Möglichkeiten zum Ausgehen, Kunst und Kultur erleben, Erwachsenenbildung usw.

Ich erwähne nur ein paar Beispiele aus meinem eigenen Umfeld, es gibt noch so viel mehr.

Ich bin empört, dass gefühlt mit zweierlei Maß gemessen wird. 

Da wo viel Geld im Spiel ist, werden scheinbar mehr Zugeständnisse gemacht und Möglichkeiten eröffnet. Was macht beispielsweise die Bundesliga lebensnotwendiger als anderes? Warum dürfen da Klubs in ganz Deutschland herumreisen und dutzende Menschen aus anderen Regionen treffen und miteinander Zweikämpfe ausführen?
Warum dürfen unsere Kinder, (sofern sie zu den Jahrgängen gehören, die in halben Klassen zu höchstens 15 Personen wieder ein paar Tage zur Schule gehen dürfen), mit diesen Kindern auf dem Pausenhof nicht miteinander Fußball spielen, kein Spielzeug gemeinsam benutzen und sollen sich unter Wahrung aller Abstandsregeln mit sich selbst beschäftigen? Auch Klassenfahrten usw. sind je nach Bundesland bis Oktober oder Dezember 2020 grundsätzlich abgesagt.
Warum planen sie, dass die Bundesliga-Vereine die Möglichkeit bekommen, sämtliche Akteure alle 3 Tage auf Corona zu testen, während die Testkits an anderen Stellen fehlen, wo sie Menschen Klarheit und Sicherheit geben könnten oder auch durch einen Antikörpernachweis die Möglichkeit, unbesorgt für Menschen zu sorgen, die gefährdet sind oder potenzielle Überträger sind?

Ach Herr, Ich kann mich kaum beruhigen, so verärgert bin ich.

Aber ich will mich nicht zu wütendem Herumschimpfen hinreißen lassen, dann würde der Feind sich ins Fäustchen lachen, dann würde er den Sieg davon tragen, er hätte sein Ziel erreicht, die Menschen zu entzweien, gegeneinander aufzubringen, in Angst und Schrecken oder Wut und Verzweiflung, lähmende Trostlosigkeit zu versetzen, für Unruhe, Unfrieden und Orientierungslosigkeit zu sorgen.
Ich will
nicht gegen Menschen kämpfen und meine Wut gegen Menschen richten, die in der Mehrheit wohl ihr Bestes tun, aber eben auch nicht alles wissen, die vielleicht in mancher Hinsicht gedankenlos reden und handeln aber nicht böswillig sind.
Ich will mich auch nicht von irgendwelchen Verschwörungstheorien gefangen nehmen lassen.
Ich will dem Bösen widerstehen, wenn Trotz, dann gegen ihn.
Deshalb will ich für andere Menschen kämpfen, für die die selbst keine Kraft mehr dazu haben, die keine Lobby haben, die keine Worte finden oder schon verstummt sind. Ich will aufmerksam machen, darauf, wo Hilfe nötig ist, wer Unterstützung braucht.

Mein Gott, „woher kommt mir Hilfe“ (Ps 121,1), wer zeigt sich solidarisch mit mir? 

Die mir Nahestehenden sind entweder selbst bis zum Anschlag belastet, kämpfen ebenfalls darum Boden unter die Füße zu bekommen oder sie gehören zu den Risikogruppen, und sind in ihrer Isolation zurückgezogen oder sie dürfen laut Verordnung gar nicht erst zu uns kommen.

Ach HERR, ich beschwere mich nicht darüber, viel Arbeit und ein herausforderndes Leben zu haben, aber sieh doch, mein Soziales Netzwerk, wo ich Unterstützung, Ermutigung, praktische Hilfe bekomme, ist mir komplett weggebrochen.
Wie soll ich es alleine schaffen?

Die Kontaktsperre verhindert, dass ich emotionale und praktische Unterstützung aus meinem Umfeld anzapfen kann.
Ich darf mich immer noch nicht mit meinen Freundinnen treffen, die mich ermutigen, und auch telefonisch oder auf anderen Wegen sind sie krisenbedingt kaum erreichbar.
Die Kinder können ihre Freunde nicht einladen, sie alle einzeln und gleichzeitig woanders unterzubringen zu können ist unrealistisch, es kann keine Kinderbetreuung zu uns kommen.

Familie habe ich nicht im näheren Umfeld.
Der Gottesdienst findet immer noch nicht statt, der für mich eine Oase in der Woche ist, wo ich normalerweise auftanke und Kraft für die neue Woche schöpfen kann durch die gemeinsame Lobpreiszeit und die Kontakte in der Gemeinde (die Predigt bekommen wir immerhin online).

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst Menschen, die ich für Freunde hielt, meinen, ich bin ja selbst schuld, wenn ich ihnen erzähle, wo es mir gerade schlecht geht. 

Ich müsse jetzt halt die Suppe, auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe: „Man kann auch verhüten.“, oder „Das Problem ist ja hausgemacht.“
Oder sie sagen: „Schön, dass es dir gut geht.“, oder „Toll, wie du das schaffst!“ Ohne zu fragen, wie es mir geht und ob ich es überhaupt schaffe.
Wenn mal jemand nicht nur floskelhaft fragt, wie es mir geht und ich anfange zu berichten, dann brechen sie schnell das Gespräch ab oder wechseln das Thema oder sie haben schnellen Rat parat wie: „Mach dir nicht so viele Gedanken!“, „Nimm s nicht so schwer.“, „Das wird schon wieder.“, „Vertrau auf Gott.“
Wenn ich mich an offizielle Stellen wende, dann heißt es immer wieder: „Wir können nicht jeden Einzelfall berücksichtigen.“ „Die Vorgaben sind eben so.“

Ich ziehe mich zurück, denn ich bin es leid, zu den Herausforderungen auch noch mit unsensiblen, gleichgültigen, Worten verletzt zu werden. So schweige ich lieber, oder sage, dass wir klarkommen.
Zurückgewiesen werden wenn ich um Hilfe bitte, ist wie ein weiterer Schlag, der mich niederschlägt, das scheue ich und kämpfe mich alleine weiter durch. 

Wer hört mir zu? Wer schenkt meinen Anliegen Gehör? Gott, „ich schütte mein Herz bei dir aus!“ (Ps 62,9) Ich fühle mich in Stich gelassen.

Und damit nicht genug. Herr, warum lässt du mich so hängen, warum verschonst du nicht wenigstens unsere materiellen Ressourcen, unsere Haushaltsgeräte, vor einem „Coronakollaps“? 

Auch die Geräte, die mir die Arbeit erleichtern, versagen mir gerade ihren Dienst. In den letzten Wochen hat die Kaffeemaschine ihren Geist aufgegeben, danach der Wasserkocher und die Pumpe der Waschmaschine. Ich bin so dankbar, dass man Mann sie reparieren kann, das hat er jetzt mindestens 5 mal getan, bei den letzten 3 Malen hielt der Erfolg für gerade mal einen Waschgang. Bei wie vielen Spülgängen hat er seitdem von Hand das Wasser abgelassen, dabei den halben Waschkeller unter Wasser gesetzt, pro Maschinenladung mehrmals. Der Liefertermin für die neue Waschmaschine wurde nun schon 12 Tage überschritten, weil die Spedition coronabedingt überlastet ist und die Touren ständig umplant. Gleichzeitig hoffe ich, dass der Backofen noch weiter durchhält, der schon länger nur noch auf einer Funktion seinen Dienst tut und dass die Sachen im Tiefkühlschrank nicht verderben, der nicht mehr richtig schließt und kühlt.

Ich weiß manchmal nicht, wo ich zuerst anfangen soll, sehe kein Licht am Horizont. Wann kommt Entlastung in Sicht? Wie oft werden wir noch weiter vertröstet?

Herr, du kennst mich, meine Mutlosigkeit, meine Flucht in sinnlose Ablenkungen, die das Problem nicht lösen, sondern höchstens vergrößern, weil sie meine Zeit fressen, du kennst meine destruktiven Gedankenkreise, Emotionen, Äußerungen, Handlungen und Verhaltensweisen. Vergib mir.

Ich will aus meiner Erstarrung heraustreten, nicht nur für mich, sondern vor allem für die anderen, die nicht gesehen und gehört werden, die „müde sind, vom Seufzen“ (Ps 6,7), sich müde und heiser geschrien haben“. (Ps 69,4)

Ich will mich an dich wenden, mein Gott. Auch wenn alle menschlichen Hilfen und Helfer wegbrechen, du, mein himmlischer Vater verlässt mich nicht.
„Du hörst mein Weinen“ (Ps 6,9)
, „du bist der Gott, der mich sieht“ (1.Mo 16,13), „du kennst alle meine Bedürfnisse, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen“ (Ps 38,10). Du hast die Macht zu helfen, „dir ist nichts unmöglich“ (Mk 10,27), über menschliche Möglichkeiten und mein Vorstellungsvermögen hinaus hast du Lösungen für meine Probleme bereit.

Ich weiß, dass du vertrauenswürdig bist, du hast mich bisher durchs Leben geführt, durch viele schwere Zeiten und es ist Gutes daraus entstanden, du wirst mich auch jetzt nicht im Stich lassen

„Sei nur stille zu Gott/ vertrau auf ihn allein, meine Seele, denn er ist meine Hoffnung!“ (Ps 62,6)
„Sei nun wieder zufrieden meine Seele, denn der HERR tut dir Gutes.“ (Ps 116,7)

Herr hilf mir und hilf denen, die dich um Hilfe anrufen, dass dein Name geehrt werde und deine Herrlichkeit sichtbar werde für alle Menschen.

Herr sieh die Bedrückten und Überforderten an in ihrer Situation, höre ihr weinen, lass andere aufmerksam werden auf ihre Situation und Hilfe ermöglichen.

Mein Gott, du mutest mir eine Menge zu. Heißt das, du traust mir eine Menge zu?
Ich will dir mutig vertrauen, dass du es gut mit mir meinst, dass du mich mit Gutem beschenken wirst. 

„Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.“ (Ps 13,6) 

Ja, „meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft!“ (Ps 62,2)

Ich will dir danken für Gesundheit und Wohlstand, für körperliche und psychische Kräfte, die du mir bisher geschenkt hast. Für Menschen, die in unserem Land Verantwortung in der Krise übernehmen, für einen milden Verlauf der Pandemie und geringe Sterbezahlen. 

Ich will dir danken, dass nichts deinen Händen entgleitet, dein Blick geht weiter als meiner, du bringst uns an ein gutes Ziel.

Ich will dir wieder Loblieder singen, ich will dir danken und dich anbeten, du bist mein Gott, Ursprung allen Lebens, mein liebender Vater, Jesus, mein Bruder und Freund, mein Held, mein Retter, mein Helfer, Heiliger Geist, mein Tröster, mein Berater, meine Kraft.

Mein Gott, du bist meine Hoffnung!

17.05.2020 Johanna M.E. Gottschalk

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Inspiriert zu diesem Text haben mich einige Bibeltexte, vor allem die Klagepsalmen von David, besonders Psalm 6; Psalm 13, Psalm 62 und Psalm 69. (Kursiv gedruckte Sätze sind Zitate/ angelehnt an Zitate aus (hauptsächlich) diesen Bibeltexten).
Das Motto in diesen Psalmen ist: Ich darf Gott mein Leid klagen, mein Herz bei ihm ausschütten, ich will vertrauen. David beschimpft und beschuldigt nicht andere, sondern adressiert seine Klage an Gott, ringt sich durch zu einem Perspektivwechsel, übergibt Gott seine Situation und seine Sorgen und kann dann am Ende zu Lob und Dank kommen, noch bevor sich seine Situation verändert hat. Das beeindruckt mich und befreit tatsächlich, wenn man es ausprobiert.
O

Es gibt natürlich noch viel mehr Menschen, die in existentielle Not geraten sind durch die Corona-Krise, für die es finanziell, körperlich oder psychisch über die Belastungsgrenze geht. Ich habe hier beispielhaft aus meinem eigenen Umfeld ein paar Personengruppen genannt, die eher Randgruppen der Gesellschaft sind und in der Politik und den Medien nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen und daher leicht durchs Raster fallen. Wenn du noch brisante Fälle kennst, auf die aufmerksam gemacht werden sollte, dann kannst du dein Beispiel gerne in den Kommentaren an diesen Text anfügen.

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