An(ge)dacht, Besonderssein/Behinderung, Familie, Nachgedacht

Von den Macken hinter der Tapete

img_0377-e1575361628944.jpgAn solchen trüben und verregneten, kalten und stürmischen Tagen wie wir sie gerade haben, sitze ich besonders gerne auf dem Sofa vor dem Kamin mit einer Tasse Tee.
Während ich meine Hände an der warmen Teetasse wärme, erfüllt mich eine Welle von Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass wir ein festes Haus haben, dass das Dach und die Fenster dicht sind und wir im Trockenen sitzen, dass wir vor Wind und Kälte geschützt sind, eine funktionierende Heizung haben und sogar ein gemütliches Kaminfeuer. Wir haben Strom für Licht und Wärme, können bequem kochen und duschen und waschen… was für ein Luxus.
Wir haben hier mehr, als wir uns wünschen konnten, Platz für eine große Familie, wunderbare Extras, ich staune noch immer über dieses Geschenk. 

Doch während ich auf dem Sofa im gemütlich beleuchteten Wohnzimmer sitze und den flackernden Feuerschein im Kamin beobachte, fällt mein Blick auch auf die Wände und bleibt unweigerlich an den Macken hinter der Tapete hängen.

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Als wir das Haus renovierten, war es ein besonderes Gefühl, sich einzurichten mit dem Gedanken, dass das nun für längere Zeit unser Ort sein wird. Wir brauchten nicht nur eine praktische Übergangslösung, es sollte schön werden. Für das Wohnzimmer hatte ich mir eine wunderschöne Streifentapete ausgesucht. Ich wollte keine Rauhfaser und nicht viel Muster, auch wenn wir das empfohlen bekommen haben (Zitat: „Da fallen die Unebenheiten in den Wänden nicht so auf.“). Auf unserer Papiertapete entsteht der dezente Streifenlook nur durch die Schattenbildung an den geprägten Streifen. Tja, aber nicht nur die gewollten Prägestreifen werfen Schatten. Bei Tageslicht fällt nicht viel auf, erst wenn man zur Gemütlichkeit übergeht und schönes Licht anmacht, dann bildet sich im Lichtschein an dieser und jener Stelle der Umriss eines alten Tapetenfetzen unter der Tapete ab, hier ein paar Putzkrümel, dort eine Kuhle eines schlecht ausgeputzten alten Bohrlochs usw. Ich kann nicht anders, mein Blick bleibt immer an diesen Macken hängen und es stört mich gewaltig, ich bin weniger vom Typ „Ach, passt schon“ als mehr für Genauigkeit und Perfektion.

Wir haben durchaus gewusst, wie man richtig tapeziert, wir hätten es richtig machen können, hätten Profis beauftragen können oder uns zusammen mit den Helfern aus Familie und Freundeskreis mehr Mühe geben können. Wir hätten die alten Tapeten gründlicher entfernen müssen und sorgfältiger die Wände glätten und abschleifen müssen. An der Wand neben dem Kamin haben wir es uns gespart und die Rauhfaser einfach übertapeziert, weil uns die daneben liegende Wand mehrere Tage Kraftarbeit gekostet hat trotz Einweichen, Stachelrolle und sämtlicher sonst noch verfügbaren Tipps und Hilfsmittel. Die Tapete saß bombenfest. Wer Erfahrung mit dem Entfernen von voll verklebten Teppichböden hat, weiß in etwa, wovon ich spreche. Ja, wir hätten das alles richtig machen können, aber alles hat seine Grenzen, nämlich zeitlicher und finanzieller Art. Damit, dein Haus in den perfekten Zustand zu bringen, kannst du dein ganzes Leben verbringen, jede freie Minute bis an dein Lebensende. Irgendwann wollten wir einfach mal fertig werden mit dem Renovieren und wieder wohnen können. Und so sind die Wände nun wie sie sind. 

Mittlerweile sitze ich hier und denke: es ist gut so. Diese Wände passen zu uns, wir sind auch nicht perfekt. Und es ist besser, gar nicht erst den Anschein erwecken zu wollen, es zu sein. Ein Haus, was nahezu perfekt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist, hat eben umperfekte Wände – und noch ein paar andere Macken.
Was denken unsere Gäste über unsere Wände? Was denken sie über unser Haus, über uns?
Das, was unser Haus sein soll, ist ein Ort für Begegnungen, eine Oase zum Auftanken, ein Lebensraum, kein Vorzeigeobjekt. 

Dabei stören ein paar Macken hinter der Tapete eigentlich nicht – im Gegenteil:
Seit wir mit unserer besonderen Tochter unterwegs sind, mache ich immer wieder die gleiche Erfahrung: mir völlig fremde Menschen sprechen mich plötzlich an und erzählen mir von ihren Herausforderungen im Leben, ihren Schicksalsschlägen, ihrem Leid, sie schütten mir ihr Herz aus. Das habe ich ohne Anwesenheit meiner behinderten Tochter so nicht erlebt. Wenn ich hinter einer perfekten Fassade verschwinde, geschieht das nicht. Das Leben mit unserer Tochter hat mich in dieser Hinsicht viel gelehrt und sehr entspannt. Es nützt gar nichts zu versuchen, allen Konventionen zu entsprechen, den guten Schein zu wahren, wir fallen eh sofort auf. Von manchen exklusiven Kreisen und Veranstaltungen sind wir ausgeschlossen, wie der Name schon sagt, dafür schafft die offensichtliche vollkommen besondere Unvollkommenheit unsrer Großen uns oft einen Zugang zu den Herzen der Menschen.

Mit Menschen offen und ehrlich über Probleme und Nöte ins Gespräch kommen, seine Herausforderungen teilen, Anteil nehmen, Ermutigung austauschen, das geht am besten da, wo Schwäche deutlich wird, wo Offenheit und Authentizität gelebt wird, nicht da, wo Perfektion bzw. guter Schein herrscht. Es geschieht in Räumen mit Macken hinter der Tapete und dann, wenn ich meine Fehler nicht hinter einer schönen Fassade zu verbergen suche. Es ist gut, daran immer wieder erinnert zu werden.

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Das wichtigste im Leben sind Beziehungen!
Das, was mich glücklich macht, ist nicht ein perfektes Äußere, sondern gute Beziehungen.
Wir hätten mehr Zeit und Kraft ins Renovieren stecken können (theoretisch, eigentlich hatten wir gar keine mehr übrig nach Umzug mit 4 Kindern und Neugeborenem dazu), theoretisch könnten wir es perfekt hinbekommen, aber es wäre alles von der Zeit fürs Miteinander, von der Qualität unserer Beziehungen abgegangen. Wäre es das wert?
Unser Leben und unsere Zeit, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten sind begrenzt, wir können nicht alles auf einmal haben und tun. Wir müssen Entscheidungen treffen, welche Prioritäten wir setzen wollen. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir bei anderen Dingen Abstriche in Kauf nehmen müssen.
In Materielles zu investieren, ist Investition in Vergänglichkeit. In Beziehungen zu investieren, ist etwas, was Ewigkeitswert hat; dafür sind wir geschaffen, das erfüllt. Es erfüllt mich auch mit Freude, wenn ich ein gelungenes Kunstwerk betrachte, einen harmonisch gestalteten Raum, hervorragende Handwerksarbeit. Aber letzten Endes machen nur gute und tiefe Beziehungen glücklich, das bestätigen psychologische Studien, ohne gute Beziehungen bringt auch das andere keinen Mehrwert an Glück.

Warum glauben wir so oft dem Trugschluss, ich kann nur Menschen in mein Haus und mein Leben einladen, wenn bei mir alles top ist? Vor lauter Perfektionismus bleibt mir keine Zeit mehr dazu und wenn es mir dann gelingt, bleibt man sich innerlich fern. Perfektion als (unbewusster) Wunsch mich unangreifbar, unverletzbar, unkritisierbar zu machen mit dem Wunsch nach Anerkennung und Bewunderung lässt keinen Raum für Nähe, für tiefe echte Beziehungen.

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Die Adventszeit ist eine gute Zeit, um zu üben in Beziehungen zu investieren und nicht in Äußerlichkeiten. Jedes Jahr streiche ich mehr oder weniger freiwillig einen Haufen Must Haves und To Dos von der Advents“löffelliste“.
Letzte Woche war der Jüngste hier so krank und ich dazu heftig angeschlagen, dass ich nicht einmal zum Einkaufen kam. Adventsstrauß, Adventskalender, Backvorhaben, alles musste unvollendet bleiben. Aber manchmal sind genau diese Krankheitsphasen die Rettung. Man muss es ja nicht unbedingt soweit kommen lassen, dass der Körper die Notbremse ziehen muss für Pausen, die man sich so nicht gegönnt hätte, die einem aber die Möglichkeit geben, aufzutanken und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Sofazeit ist Lese- und Vorlesezeit, Zeit zum Erzählen, Zuhören, Austauschen, die direkteste Art, meine Beziehungen zu Gott und meinen Nächsten zu pflegen.

So zünde ich also gemütliches Licht an, schaue die Macken hinter der Tapete an und denke, Gott weiß, dass ich nicht perfekt bin, es nicht schaffe, alles perfekt hinzukriegen, und er erwartet es auch nicht. Er freut sich aber, wenn ich die richtigen Entscheidungen treffe und in Beziehungen investiere, „Schätze im Himmel sammle“, und nicht nur pflege und anhäufe, „was Motten und Rost fressen“ (vgl. Matthäus 6,19-21).

Ich zünde gemütliches Licht an und lade Gäste ein, mit gekauften Keksen, unvollständiger Deko, Renovierungsstau und sich türmender Unordnung hier und da und den Macken hinter der Tapete. Wir erzählen von erlebten Höhen und Tiefen, momentanen Herausforderungen und erfahren: geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude, ist doppelte Freude.

Ganz unspektakulär wird unser Haus zum Ort der Begegnung, zur Oase zum Auftanken, zum Lebensraum.

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