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Neue Lebens-Trauer-Phase

Die lange Blogpause hätte ich lieber mit einem anderen Titel und ein paar anderen Worten beendet. Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Artikel überhaupt schreiben soll, aber es wäre nicht authentisch einfach drüber weg zu springen. 

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Eine neue Lebensphase findet ja nicht losgelöst von dem, was vorher war, statt. An so einem Übergang schaue ich zurück und muss Abschied nehmen und kann auch nicht nach vorne schauen, ohne das anzusehen, was ist, mit dieser Realität werde ich weiterleben. Aber vor allem darf ich auch nach oben sehen, auf Gott, der mit all seiner Macht und Kraft da ist und mir Hoffnung für das nach vorne Schauen gibt, Hoffnung, dass er einen guten Plan hat und alles zum Besten wenden wird über alle vorstellbaren Möglichkeiten hinaus.

Das neue Schuljahr brachte für unsere Familie einen Haufen Veränderungen: Die zweite kam ins Gymnasium (neue Schule für uns, kein einziges bekanntes Gesicht dort), die vierte in die erste Klasse und der Jüngste in den Kindergarten (auch alles neu: Erzieher und Kinder). Für mich begann eine neue Lebensphase. Zum ersten Mal seit 13 Jahren habe ich vormittags wieder kinderfreie Zeit. Ich hatte mich sehr auf diese neue Zeit gefreut und schon viele Ideen und Projekte im Kopf, die ich gerne umsetzen würde, aber dann überrollten mich Gefühlswellen, die ich überhaupt nicht verstand. Was war eigentlich mit mir los und warum?

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Ich las bei der lieben Sandra einen wundervollen Artikel über die „Reifeprüfung“ nach 13 Jahren. 13 Jahre bis zum Abitur, 13 Jahre Muttersein haben sie und ich ebenfalls jetzt hinter uns. „Hat man jetzt die Reifeprüfung um Teenie-Mutter sein zu können?“, fragt Sandra. Viel Liebe und Arbeit hast du in die Begleitung deines Kindes gesteckt, damit es auf das Leben optimal vorbereitet ist. Ja, das habe ich – und da kommt unser persönlicher Haken: einen richtigen Teenie habe ich trotzdem nicht.

Zur selben Zeit suchte ich für eine Freundin, die gerade um ihre viel zu früh durch Krebs aus dem Leben gerissene Freundin trauerte, eine CD heraus. Die CD „Breite deine Flügel aus“ von Thea Eichholz hatte mich selbst einmal in meiner Trauer sehr getröstet. Ich hörte in die Lieder rein und plötzlich wusste ich, was mich so aus der Bahn geworfen hatte.

Es war Trauer, Trauer wegen meiner großen Tochter, mit der ich viele dieser normalen Entwicklungen nie erleben werde.
Trauert man nicht um Verstorbene? Kann man um einen Menschen trauern, der gerade erst geboren wurde, mit dem du lebst und den du liebst? Das fragte ich mich schon vor über 10 Jahren.

Als ich mich damals in den ersten Lebensjahren unserer Ältesten damit auseinandersetzte, dass wir ein behindertes Kind bekommen hatten, lernte ich, dass Eltern behinderter Kinder so etwas wie einen Trauerprozess durchmachen, wenn sie sich mit dem Thema Behinderung konfrontiert sehen. Ich glaube, niemand plant oder erwartet, ein behindertes Kind zu bekommen. Wenn es aber so ist, dann wirbelt das dein ganzes Leben durcheinander und man durchlebt die typischen 4 Phasen (nach Verena Kast): 

  1. Nicht-wahrhaben-wollen (leugnen, verdrängen), 
  2. aufbrechende Emotionen (wie Wut, Schmerz, Traurigkeit, Schuldgefühle, Warum-Fragen, Angst), 
  3. Suchen und sich Trennen (die innere Auseinandersetzung: was habe ich verloren, was ist die Realität, wie gehe ich damit um: Verzweiflung Verbitterung, Aufgeben oder Ja zu neuer Situation) und 
  4. neuer Selbst- und Weltbezug (neue Pläne schmieden, neue Einstellungen gewinnen, innerer Friede). 

Welche Gedanken und Gefühle mich damals bewegt haben, habe ich in dem Text „Wunschkind – Frieden über Gottes Plänen für mein Kind finden“ beschrieben. Jeder Mensch hat Wünsche und Träume für sein Leben und das Leben seiner Kinder, wenn es auch nur die Vorstellung ist, dass alles normal läuft und ein Kind irgendwann erwachsen ist und selbständig und eigenverantwortlich leben kann. Solche Vorstellungen sind es, die man in dieser Lebenssituation begraben muss, und darüber darf man trauern. Und solche Trauerphasen kommen immer wieder mal im Leben, wenn man an besonderen Meilensteinen des Lebensweges ankommt, bzw. die gleichaltrigen Kinder in deinem Umfeld dort ankommen.

Mit 13 Jahren hat das Kind normalerweise einige Meilensteine in der Entwicklung genommen, Selbständigkeit und Verantwortung-Übernehmen-Können rücken immer mehr ins Blickfeld, das Kind probiert immer mehr seine Flügel.
Und wir Mütter können Aufatmen, müssen auch manchmal den Atem anhalten oder tief Durchatmen, aber man ist in einer neuen Lebensphase.

Als ich 13 Jahre alt war, habe ich öfters auf meine kleine Schwester aufgepasst, wenig später habe ich mit einer Freundin zusammen eine Kindergruppe in unserer Gemeinde geleitet. Doch bei uns passen die jüngeren Geschwister auf, was die Große tut, nicht sie ist die Hilfe, die mich unterstützt, wenn ich mal Hol- und Bringdienste erledigen muss und nicht die ganze Familie mit herumkutschieren will, nein, denn dann muss ich sie mitnehmen, damit die jüngeren, wenn sie kurz alleine sind, nicht noch die große Schwester hüten müssen.

Gleichzeitig kam nun also mein Jüngster in den Kindergarten, ich freute mich, dass die Kleinkindzeit zuende ist und ich neue Freiheiten habe, und es traf mich wie ein Schlag, als ich mir bewusst machte, dass ich aus der Kleinkindzeit nie ganz raus sein werde. Tatsächlich hat unser Jüngster nun unsere Älteste in den meisten Bereichen der Entwicklung überholt. Er kann besser bis 3 zählen als sie und berichtet mir mehr und der Wahrheit entsprechender von dem, was er im Kindergarten erlebt hat, als das unsere Große tun kann. Und das, obwohl er ein absoluter Late-Talker ist, nicht gerade den größten Wortschatz und außergewöhnliche Redegewandtheit besitzt. Durch Nachfragen komme ich seinem Erleben und dem Ursprung schlechter Stimmung annähernd auf die Schliche, bei meiner Großen kommen zwar mittlerweile verständliche Worte (gottseidank!!) heraus, aber meist nur reflexartig geäußerte stereotype Aussagen zu ihren Lieblingsthemen.

Unsere Älteste ist in ihrer Entwicklung nicht, wie anfangs gehofft, halb so schnell wie andere Kinder, die Schere geht immer weiter auseinander. Bisher waren immer kleinere Geschwister da, denen sie schon einiges voraus hatte und bei denen sie wiederum einiges mitlernen konnte: mit der Zweiten lernte sie Gebärden, beim Dritten wurde sie mit trocken, mit der Vierten fing sie an zu sprechen und beim Fünften? Lernt sie hoffentlich noch das Zählen und einiges andere mit. 

Es waren immer Kleinkinder in der Familie, auf die wir bei unseren Unternehmungen, bei der Gestaltung unseres Tagesablaufs usw. sowieso Rücksicht nehmen mussten. Nun sind wir aus der Phase raus, aber unsere Große ist trotzdem dort hängen geblieben. 

Die ersehnte größere Freiheit dieser neuen Lebensphase bleibt hinter dem, was du normalerweise erwarten kannst, zurück, und das wird wahrscheinlich immer so bleiben, die Große wird wohl nie ganz selbständig und eigenverantwortlich leben können, nie so sprechen, denken, sich bewegen oder verhalten können, dass es ein „normales“ Leben ermöglicht.

Hagebuttenhecke

Das hat mich beschäftigt. Nicht dass ich meine Tochter nicht lieben würde, wie sie ist, sie ist ein großer Segen für uns. Sie verbreitet so viel Freude! Sie hat mich gelehrt, was bedingungslose Liebe ist, sie hat mich von vielem falschen Denken „geheilt“, ich bin so dankbar, dass wir sie haben. Doch, ich hätte ihr ein anderes Leben gewünscht, und irgendwie auch uns. Mit der ersten Tatsache habe ich schon Frieden geschlossen, die zweite hatte ich in den 13 Jahren Kleinkindzeit etwas verdrängt, aber nun merkte ich es mit voller Wucht, wie diese Behinderung auch mein Leben und meine Freiheiten einschränkt. 

Aber ich will diese Einschränkung lieber als Fokussieren bezeichnen. Ich habe nicht sämtliche Möglichkeiten – die haben wir ehrlicherweise sowieso nie und wenn wir sie haben, ist es wahnsinnig schwierig, herauszufinden, was nun das Richtige ist. Man probiert alles Mögliche und verliert umherirrend Zeit, bis man irgendeinen Weg findet, den man gehen will. Bei mir fallen einige Möglichkeiten weg und andere Themen fallen mehr ins Blickfeld, da will ich was draus machen. Die Grenzen, die mir meine Lebensumstände setzen sind wie Leitplanken für den Weg, den ich gehen sollte, manchmal sieht es aus, als wäre alles verbarrikadiert, aber dann suche ich nach dem Ziel, und es wird einen guten, erfüllenden Weg dahin geben. Das ist Gottes Zusage, die mir Mut macht: er wird aus Allem etwas Gutes für mich machen (vgl. Römer 8,28).

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Ich glaube, jeder hat solche zerplatzten Träume, lebensverändernden Schicksalsschläge, unerfüllten Wünsche in seinem Leben. Du lebst vielleicht nicht mit einem behinderten Kind, aber vermutlich verläuft in deinem Leben auch nicht alles so wie gedacht oder erträumt. Du darfst darüber traurig sein! Und dann auch die weiteren Schritte im Prozess gehen! 

Am meisten getröstet wurde ich, als ich gemerkt habe, dass Gott mich sieht und alles unter Kontrolle hat. ER gibt auch dem Leid einen Sinn und verwandelt es in Segen. Das lässt mich hoffnungsvoll weitergehen.

6 Gedanken zu „Neue Lebens-Trauer-Phase“

  1. Oh liebe Jojo, jetzt sitze ich hier und weine. Ich würde gerne behaupten, dass ich dich verstehe, aber das wäre gelogen. Ich habe keine Ahnung wie das ist in deiner Situation zu sein. Aber ich kenne das Gefühl, um seine Träume zu trauern und auch das Gefühl zu erkennen, dass das eigene Kind nicht so „normal“ ist, wie ich gehofft habe. Jetzt sehe ich plötzlich wieder diesen Überweisungsschein vor mir auf dem das böse Wort das erste Mal stand. Niemand hatte etwas dazu gesagt. Kein Wort vom Arzt in die Richtung. Und dann stand da aber das Wort „Entwicklungsstörung“, das mich voll aus der Bahn geworfen hat. Das fand ich viel schlimmer, als die Tatsache, dass die kleine Schwester mit einer körperlichen Behinderung zur Welt gekommen ist.
    Seither frage ich mich immer was denn „normal“ ist. Was ist es denn, was ich mir wirklich erhoffe von diesem „normalen“ Leben und den „normal“ entwickelten Kindern?
    Ist das Leben, dass Gott mir schenkt nicht für mich das „normalste“? Sollte nicht der Weg, den Gott gewählt hat für mein Leben der natürlichere sein? Und jeder andere für mich unnatürlich?
    Ich bin dir so dankbar, dass du diesen Text geschrieben hast und uns teilhaben lässt an deinem Trauerprozess.

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    1. Liebe Eveline, vielen lieben Dank für dein Feedback! Was für ein unsensibler Arzt! Ich kann direkt nachfühlen, wie du dich gefühlt haben musst.
      Was definiert man als „Normal“? Ich glaube bei Gott geht es ja gerade eher darum, dass jeder Mensch einzigartig ist und seine Besonderheiten einsetzt, um zu leben, wie nur er es kann, nicht darum, möglichst genau wie alle zu sein. Aber was wir als normal wahrnehmen, ist doch das, was am meisten vorkommt. Kennst du die Glockenkurve für den Intelligenzquotienten? Die meisten Menschen haben einen IQ zwischen 85 und 115, der Berg der Kurve, an den Rändern wird die Kurve sehr schnell sehr flach. Wenn jemand zu dem Prozentsatz Menschen gehört, der im Randbereich angesiedelt ist, egal ob im niedrigen oder sehr hohen Bereich, dann fällt er immer als „unnormal“ auf und fühlt sich auch so. Schule, das gesellschaftliche Leben usw. sind eher auf den mittleren Bereich ausgerichtet. Diese Kurve beschreibt übrigens nicht nur die Intelligenzverteilung, sondern ist auch auf andere Persönlichkeitsmerkmale anzuwenden, und das beschreibt ganz gut, warum das „aus der Norm fallen“ so anstrengend ist. Das sich in die hineinfühlen, die im Randbereich sind, fällt den meisten schwer, auf diese Rücksicht zu nehmen ebenso. Gesellschaftliche Konventionen, Regelungen usw. werden am Wohle der Mehrheit bemessen, und das ist ja auch nachvollziehbar. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ein vollkommen besonderes Leben leben könnte, wenn ich nicht wüsste, dass Gott dabei die Fäden in der Hand hat und Kraft und Hoffnung gibt.

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  2. Siehst du, auch ich habe hier gerade ein paar Tränchen geweint. Danke für deine ehrlichen Worte, die so zu Herzen gehen. Auch ich habe schon oft gedacht, warum können meine Kinder nicht normal sein- und wir sind weit entfernt von euren Herausforderungen. Aber vor allem bin ich berührt, weil das eben das Leben ist, oder? Loslassen und trauern, Grautöne und helle Farben, Erfüllung und Enttäuschung, das ganze Paket. Wer kann denn da festlegen, was normal ist? Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar, ja, so ist das Leben. Ich finde, das Gute an unseren Herausforderungen ist ja, dass man ziemlich schnell merkt, dass es gar nichts bringt mit aller Kraft zu versuchen möglichst normal zu sein, es gelingt sowieso nicht, und so kann man ganz entspannt anders sein, naja mal mehr und mal weniger.
      Ich freue mich auch, dich bald kennen zu lernen.

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  3. Dein Blogpost hat mich sehr berührt, liebe Johanna. Worte, die direkt ins Herz gehen… Ich würde dich jetzt gern umarmen. „Die Grenzen, die mir meine Lebensumstände setzen sind wie Leitplanken für den Weg, den ich gehen sollte…“ Was für ein starkes Bild! So ist es…
    Liebe Grüße, Martha

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